Jüdisches Leben

Jüdisches Leben, heute?

Wenn man im Restaurant jemand laut als Juden bezeichnet, holen die einen die Polizei und die anderen schmunzeln oder applaudieren, im Sinne von, ‚richtig, gibs ihm‘ und neunzig Prozent schauen betreten auf ihr Essen.

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Ein Essay von Salomon Korn, erschienen 2003 in  „DIE ZEIT“, Ausgabe 24

Wie deutsch soll’s denn sein?

Normalität im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden setzt voraus, Unterschiede anzuerkennen


Sind Sie nicht über die politische Lage in Ihrem Land besorgt?, fragte mich ein freundlicher älterer Herr beim diesjährigen Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt am Main. Natürlich meinte er damit Israel, und in seiner Frage klang aufrichtige Besorgnis mit. Wie aber darauf reagieren? Meine Antwort hätte lauten können, ich sei deutscher Staatsbürger, und seine Frage richte sich an den falschen Adressaten. Doch damit hätte ich mich von Israel, einem Land, dem ich mich aus vielerlei Gründen besonders verbunden fühle, distanziert und meinem Gegenüber vielleicht gar das Gefühl vermittelt, er habe mit seiner Frage mein Deutschtum verkannt. Vermutlich wäre Unverständnis seinerseits Folge einer solchen Reaktion gewesen, und er hätte es wahrscheinlich in Zukunft unterlassen, diese Frage, die er mir bereits im Vorjahr gestellt hatte, erneut an mich zu richten. Was wäre damit gewonnen gewesen? Schließlich konnte ich an dieser Frage ablesen, wie er mich wahrnimmt: Ohne mich bewusst ausgrenzen zu wollen, brachte er damit zum Ausdruck, dass er mich anders einstufte als seinesgleichen  war das denn so falsch?

Ich weiß, es gab und gibt Juden, die auf eine derartige Frage mit Empörung reagieren und nachdrücklich darauf bestehen, sie seien deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, oder gewollt irritierend den Fragesteller fragen, welches Land er denn damit wohl meine. Der demonstrativen Geste aber, sich als Jude durch solche Fragen nicht aus der Gemeinschaft der Deutschen ausschließen lassen zu wollen, haftet etwas Aufdringliches, ja Peinliches an. Dabei muss man noch nicht einmal an jene denken, die schon immer deutscher sein wollten als die Deutschen.

Nein, auf solche oder ähnliche Fragen antworte ich nichts dergleichen. Als ich vor einiger Zeit einem befreundeten Herrn mitteilte, ich werde in Kürze zwei Wochen Urlaub machen, fragte er ohne Zögern: In Ihrer Heimat? Wenige Wochen nach einem Mittagessen zu wohltätigen Zwecken, an dem auch der israelische Botschafter teilgenommen hatte, traf ich den Sponsor dieser Veranstaltung. Das war doch ein nettes Mittagessen mit Ihrem Botschafter, lautete seine erste Bemerkung.

Ich weise solche Antworten und Bemerkungen nicht zurück. Reaktionen dieser Art werden nur dazu führen, die Spontaneiät der Fragesteller zu unterbinden, um in Zukunft nichts anderes mehr von ihnen zu hören als in korrekten Umgangston gekleidete Belanglosigkeiten. So aber höre ich unmittelbar, wie es tatsächlich aus ihnen spricht, und erfahre dabei immer wieder aus erster Hand etwas über den Stand deutsch−jüdischer Normalität. Was aber ist gemeint mit dieser Bezeichnung? Zunächst eine Wirklichkeit, die ist, wie sie ist: kompliziert, historisch belastet und nicht frei von Voreingenommenheit. Doch steckt hinter dem Begriff Normalität mehr als nur eine Zustandsbeschreibung. Auch Wunschvorstellungen von einer historisch unbelasteten, ausgeglicheneren Beziehung zwischen Juden und Deutschen schwingen darin mit. Doch es scheint, als orientierten sich solche Wünsche eher an einer idealisierten deutsch−jüdischen Vergangenheit als an der Normalität gegenwärtigen jüdischen Lebens in anderen Ländern.

Ein Blick in die USA zeigt: Das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Amerikanern unterscheidet sich von dem zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Dort herrscht eine Normalität, wie es sie in der deutsch−jüdischen Vergangenheit nie gegeben hat. Sie beruht nämlich auf der Eingliederung der Juden in eine pluralistische Form von Staat und Gesellschaft, nicht aber in ein uniformes Staatsgebilde.

Amerikanisch−jüdische Normalität bedeutet Anerkennung eines gewissen Eigenlebens und Andersseins der Juden Amerikas innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Diese Normalität macht die Gleichheit vor dem Gesetz und im gesellschaftlichen Zusammenleben nicht vom bedingungslosen Aufgehen der Juden im Staatsganzen abhängig. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur die Gleichstellung der jüdischen Individuen, sondern auch die der jüdischen Gruppe als Ganzer ohne größere Schwierigkeiten ermöglicht.

Anders die Wirklichkeit deutsch−jüdischer Normalität. Sie ist die Folge einer Entwicklung, die im 18. Jahrhundert mit den Ideen von Humanismus, Aufklärung, Emanzipation begann, aber während des 19. Jahrhunderts von nationalstaatlichen Interessen unterhöhlt wurde. Die ursprünglich universellen grenzüberschreitenden Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren mit einem auf strenge Abgrenzung gegenüber anderen Völkern und Kulturen bedachten Nationalismus, wie er sich vor allem in Deutschland ausbildete, unvereinbar. Die Juden, deren rechtliche Gleichstellung aus dem Geist des europäisch geprägten Humanismus hervorgegangen war, sahen sich nun durch einen Nationalismus ausgegrenzt, der sich auf partikulare kulturelle und religiöse Traditionen des so genannten deutschen Volkstums berief.

Auf diese Eigentümlichkeiten des deutschen Staatsbewusstseins reagierten die deutschen Juden mit drei unterschiedlichen historischen Optionen. Zunächst versuchten sie es mit Akkulturation und Assimilation: Kulturelle Anpassung und die Abkehr von der eigenen Herkunft sollten den deutschen Juden neben der von Staats wegen verordneten rechtlichen Gleichstellung die Möglichkeit eröffnen, gesellschaftlich gleichgestellte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens zu werden. Danach erhoben sie die Forderung nach einem eigenen jüdischen Nationalstaat, die im Zionismus ihren Ausdruck und in der Gründung des Staates Israel schließlich ihre Verwirklichung fand. Und zuletzt konzentrierten sie sich auf die Stärkung eines jüdischen Nationalbewusstseins in der Diaspora. Diese Option konnte jedoch den alten Widerspruch zwischen einem christlich−völkisch definierten deutschen Nationalstaat und einer jüdischen Minderheit bis heute nicht aufheben.

Es scheint kein Zufall zu sein: Den Begriff der Symbiose zwischen Deutschen und Juden hat als Erster der bekennende Antisemit Wilhelm Stapel 1927 in der von ihm herausgegebenen Monatsschrift Deutsches Volkstum (Heft 6, S. 418) verwendet  im negativen Sinne; und damit kam er bei aller sonstigen Beschränktheit seiner Thesen dem tatsächlichen Gang deutsch−jüdischer Geschichte näher als jene, die später im Nachhinein eine verklärte deutsch−jüdische Symbiose konstruiert haben. Den Streit zwischen Juden und Antisemiten, so Wilhelm Stapel, werde man nicht verstehen, wenn man ihn nur als einen Streit von Individuen betrachte. Es handele sich nicht darum, dass einzelne Menschen dieser Art mit einzelnen Menschen anderer Art nicht auskommen könnten. Es handele sich vielmehr um den Gegensatz von Völkern: Volksinstinkte, Volksanlagen, Volkheiten stoßen aufeinander. Nicht Wünsche und Bedürfnisse von Individuen zählten demnach, sondern einzig und allein die vermeintlich naturverhafteten Eigenschaften des Kollektivs.

Wie hartnäckig und langlebig solch verquere Wahrnehmungsmuster sind, lässt sich bis in die gegenwärtige deutsch−jüdische Normalität hinein beobachten. Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft, ob Politiker, ob Intellektuelle, werden nach wie vor weniger als Individuen denn als Vertreter einer in sich geschlossenen religiösen Interessengemeinschaft wahrgenommen. Wie sonst ist die Frage eines gebildeten, liberal denkenden Mannes zu verstehen, der von mir wissen wollte, welchen Anteil am Erstarken des Antisemitismus in Deutschland das Verhalten der Juden selbst habe. Seine Frage lautete ja nicht, ob dieser oder jener Mensch (der zufällig Jude ist) sich öffentlich ungehörig benommen habe. Das tun einzelne Juden durchaus, und sie haben im Übrigen dasselbe Recht dazu wie nichtjüdische Deutsche, die sich in der Öffentlichkeit gelegentlich danebenbenehmen, ohne dass dies sogleich auf die Deutschen als Kollektiv zurückfiele. Nein, Ursachen von Vorurteilen liegen stets bei denen, die sie hegen, nicht bei denen, auf die sie zielen. Deshalb verweist die vom Prinzip der Kollektivhaftung und vom Wunsch nach Schulddruckminderung bestimmte Haltung des Fragestellers auf ihn selbst zurück  auf seine ihm verborgen gebliebenen Vorurteile.

Nach wie vor fällt es vielen Deutschen schwer, mit Unterschieden zwischen Mehrheits− und Minderheitsgesellschaft wie selbstverständlich umzugehen und darin ein Potenzial kultureller Bereicherung zu erkennen. Dem jüdischen Bevölkerungsanteil gegenüber drückt sich dies zusätzlich auf eine besondere Weise aus. Obwohl Juden einerseits als irgendwie anders empfunden werden, bestehen andererseits oft Hemmungen, dies offen auszusprechen.

Seit der nationalsozialistischen Judenvernichtung ist die Betonung von Unterschieden zwischen Deutschen und Juden diskreditiert. Unter dem Menetekel von Auschwitz darf und soll es keine Unterschiede mehr geben, denn sie trügen den Keim einer Wiederholung des nationalsozialistischen Unheils in sich. Hinter dieser sozusagen wiedergutmachenden Sonderbehandlung verbirgt sich häufig der Wunsch, Problemen auszuweichen: Das Einebnen von Unterschieden zwischen Deutschen und Juden enthebt viele wohlmeinende Menschen der Mühe, über die Folgen des Andersseins von Juden oder auch anderer gesellschaftlicher Minderheiten für das alltägliche Zusammenleben nachzudenken und daraus Konsequenzen für das eigene Verhalten zu ziehen. Häufig gestellte Fragen wie: Was sind Sie denn nun: Jude in Deutschland, deutscher Jude, jüdischer Deutscher oder was sonst? zeugen von den Schwierigkeiten mancher Deutscher, mit einer weiterhin transitorischen, nicht exakt definierbaren Existenz jüdischen Lebens in Deutschland umzugehen.

Diese Verunsicherung wird durch den anhaltenden Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion noch verstärkt: Sind das in erster Linie Russen, Juden oder Neudeutsche?

Der Wunsch nach einer überschaubaren deutsch−jüdischen Normalität muss unerfüllt bleiben. Normalität ist nicht mehr als eine Hilfsvokabel. Sie beschreibt den Zustand einer gesellschaftlichen Wirklichkeit im fortgesetzten historischen Wandel  ein Zustand, der nicht abschließend fixierbar ist. Wenn sich deutsch−jüdische Normalität schon nicht ohne weiteres definieren lässt, so kann man doch immerhin die Voraussetzungen für ihre Verbesserung benennen.

Wie also sähe ein deutsch−jüdisches Zusammenleben wünschenswerterweise aus? Träumen wir ein wenig. Juden und Nichtjuden würden die zwischen ihnen vorhandenen Unterschiede gegenseitig anerkennen und sich vorrangig als Individuen, nicht aber als Vertreter von Kollektiven begegnen. Das Wort Jude würde ohne Beklommenheit ausgesprochen, und es würde ihm nichts Herabsetzendes mehr anhaften. Daher wäre es auch gleichgültig, ob eine bestimmte Aussage von einem Juden oder Nichtjuden getroffen wird. Es käme ihr in beiden Fällen dieselbe Glaubwürdigkeit, dasselbe Gewicht oder auch dieselbe Kritik zu. In einer solchen deutsch−jüdischen Normaliät wären Juden keine Mitbürger, sondern schlicht Bürger. Es würde keines Nützlichkeitsnachweises mehr bedürfen, um vertriebene, exilierte oder ermordete jüdische Künstler und Wissenschaftler zu ehren. Das heißt: Sie würden von den Deutschen um ihrer selbst willen betrauert und nicht wegen des Verlustes, den ihre Vertreibung oder Vernichtung für die deutsche Kultur darstelle. Wäre dies so, würden deutsch−jüdische Gedenkveranstaltungen auch nicht mehr als bloße Pflichtübungen empfunden werden. Denn die Mehrheit der Deutschen würde die Verfolgung der deutschen Juden jetzt als das verstehen, was sie wirklich war: eine Amputation am eigenen Volk.

Das Schöne an einer wahrhaften deutsch−jüdischen Normalität wäre auch, dass dann Nichtjuden ihrem jüdischen Gesprächspartner nicht mehr zwanghaft versichern müssten, sie hätten jüdische Vorfahren oder Widerstandskämpfer in ihrer Familie gehabt. Bezeichnungen wie jüdisches Kapital, jüdischer Geist, jüdischer Einfluss und jüdische Intelligenz wären aus dem Sprachschatz verschwunden, weil man begriffen hätte, dass sie in Vorurteilsstrukturen verhaftet sind. Nichtjuden würden dann andererseits auch keine Juden mehr brauchen, damit sie bestimmte eigene öffentliche Aussagen oder Aktionen mit ihrer jüdischen Autorität absichern. Es würden sich dafür auch keine Juden mehr hergeben. Überhaupt bedürfte es keiner Feststellung mehr, ob eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte oder der Vergangenheit jüdisch sei. Juden hätten es ihrerseits nicht mehr nötig, mit dem betonten Hinweis auf ihr Jüdischsein ein Gefühl der Unterlegenheit auszugleichen.

Wäre das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland normal, würden Juden weder als Individuen noch als Kollektiv für die Politik Israels, des World Jewish Congress oder anderer jüdischer Organisationen haftbar gemacht. Es wäre dann allgemein bekannt, dass Juden, urkundlich belegt, seit über 1700 Jahren in Deutschland leben und somit länger in diesem Land ansässig sind als viele der deutschen Stämme, die erst im Zuge der Ende des 3. Jahrhunderts einsetzenden Völkerwanderung hierher kamen. Es bedürfte dann keiner institutionalisierten christlich−jüdischen Dialoge mehr; Juden wie Nichtjuden würden die Würde des Unterschieds gleichermaßen achten.

Und worauf liefe das alles hinaus? Darauf, dass deutsch−jüdische Normalität kein Thema mehr wäre. Davon aber sind wir noch weit entfernt  nicht zuletzt deshalb, weil gegenwärtige deutsch−jüdische Normalität einem fragilen, hoch sensiblen Regelkreis ähnelt, in dem Ursache und Wirkung schwer zu unterscheiden sind. Wenn überhaupt, kann eine befriedigende deutsch−jüdische Normalität auf Dauer nur durch tätiges Miteinander entstehen. Normalität entgleitet immer dann, wenn man sie zu beschwören versucht.

Sie stellt sich umso eher ein, je weniger sie eingefordert und je mehr sie gemeinsam gelebt wird. Nach allem, was geschah, ist es durchaus normal, dass deutsch−jüdische Normalität noch nicht normal ist. Bis auf weiteres sind mir spontane Fragen nach meinem Land, meiner Heimat und meinem Botschafter allemal lieber als eine gut gemeinte, aber an der Wirklichkeit vorbeigehende Einebnung vorhandener Unterschiede zwischen Deutschen und Juden.

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