+ Die Kultusgemeinde

Auf Grund der Bestimmungen des „Israelitengesetzes“ (RGBL.57/1890) wurden die Juden der Bezirkshauptmannschaft Korneuburg am 1.Jänner 1892 der Kultusgemeinde Floridsdorf „einverleibt“. Der Minjanverein in Stockerau blieb jedoch bestehen.

Nachdem die Gemeinde Floridsdorf Ende 1904 nach Wien angeschlossen worden war und die dazugehörige Kultusgemeinde in die Wiener aufgenommen wurde, verlangten die Minjanvereine Stockerau, Großenzersdorf und Gänserndorf eine Neueinteilung. Eine Befragung aller jüdischen Familienoberhäupter und Kultussteuerträger wurde angeordnet. Dies führte letztendlich zur Bildung von drei neuen Kultusgemeinden: Gänserndorf, Großenzersdorf und Stockerau. Diese Einteilung hatte nach Weisung des Statthalters von Niederösterreich mit 1. April 1907 in Kraft zu treten.

In der Kultusgemeinde Stockerau wurde als Vorsteher Bernhard Schneider gewählt. Es folgten Wilhelm Jelinek, Josef Greipl, Eduard Dubsky, Hermann Hahn, wiederum W. Jelinek und J. Greipl und als letzter ab 1927 Josef Löffler. Ein damaliges Vorkommen, heute als Kuriosum gesehen, entstand 1919 mit der Wahl von E. Dubsky, Beamter in Stockerau. Gegen seine Wahl wurde protestiert mit der Begründung: „…wir verlangen einen österreichischen Staatsbürger als Vorstand.“ Dubsky war nämlich gemäß Heimatrolle nach Böhmzeil, einem Teil der nun neuen Grenzstadt Gmünd zuständig. In der versuchten Klärung stellte das Land Niederösterreich fest. „…die staatliche Zugehörigkeit von Böhmzeil lässt sich derzeit nicht entscheiden.“

Als Rabbiner wurde 1907  Dr. Moses Rosenmann aus Wien engagiert, er blieb bis 1911. 1912 bis 1922 übernahm Prof. Dr. B. Reich aus Wien die Aufgabe und Prof. Dr. Arnold Frankfurter, ebenfalls aus Wien, folgte ihm nach. Er blieb bis zu seiner Verhaftung am 5. September 1938 im Amte.  Frankfurters Bestellung brachte Probleme, das Land Niederösterreich verlangte eine Stellungnahme, da gemäß Israelitengesetz der Rabbiner am Ort der Kultusgemeinde wohnen sollte.  Die Entgegnung des Vorstandes zeigte die Probleme der kleinen Gemeinden auf: „Es ist ja bekannt, dass die niederösterreichischen Provinzgemeinden nicht die erforderlichen Mittel besitzen, um einen eigenen Rabbiner zu beamten und daher immer einen Wiener Gemeinderabbiner zugleich zu ihrem eigenen bestellen“.   Frankfurter wurde akzeptiert.

Das Ende war kurz und schrecklich. Bis zum Herbst war die Kultusgemeinde faktisch liquidiert, sie hatte keine Mitglieder mehr. Diese waren fast alle nach Wien ausgesiedelt, d.h. ihr Eigentum wurde „arisiert“ und sie selbst waren vertrieben worden. Von dort mussten sie emigrierten oder sie wurden deportiert und ermordet.

„Das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten in Wien, hat mit Erlass vom 30. März 1940, IV-K/c 10224-1940, die israelitische Kultusgemeinde Stockerau aufgelöst.“

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