– Der Friedhof

Am 1. Februar 1874 kaufte der Minjanverein ein Grundstück im Norden Stockeraus an einem Feldweg zum Grummerhof am Senningbach, um dort einen Friedhof für seine Mitglieder zu errichten. Er lag somit weit außerhalb des Ortes. Erst 1903 wurde gegenüber der kommunale Friedhof eröffnet. Im Juni 1874 übermittelte der Bürgermeister Furtmüller dem Minjanverein die Genehmigung der NÖ Statthalterei zur Einleitung einer Geldsammlung „… unter den Glaubensbrüdern in Niederösterreich auf die Dauer von sechs Monaten …“. Mit dem Wachsen der Kultusgemeinde wurde der Friedhof aber bald zu klein und musste 1895 und nochmals 1920 erweitert werden.

Derzeit nachweisbar wurden dort 305 Personen begraben, auf Grund der Quellen kann man 159 Verstorbene zu einem der 133 Gräber zuordnen; davon sind acht Grabstellen nur erkennbar, eine Zuordnung ist aber nicht möglich.

Im Nordwest-Eck war ein Friedhofsgebäude errichtet worden. Es umfasste eine kleine Wohnung bestehend aus einem Zimmer, Küche und Vorraum für den Friedhofswächter, einer Leichenkammer und einer überdachten Einfahrt mit Gedenktafeln. Innerhalb der Umzäunung des Hauses waren Schuppen, Keller und außerhalb der Friedhofsmauer der Stall angelegt. Im Jahre 1997 wurde das Haus mit allen Nebengebäuden wegen Baufälligkeit demoliert und eine Einfriedungsmauer errichtet.

In der hintersten Grabreihe, im Grab Nr. 4 ist Samuel Feldheim begraben, er war vermutlich im Vorstand der Kultusgemeinde von Szeged, Ungarn. Er starb als Zwangsarbeiter am 15. August 1944 im Krankenhaus Stockerau, wurde zwei Tage später am Kommunalfriedhof beerdigt. Am 30. Jänner 1945 wurde sein Leichnam exhumiert und am jüdischen Friedhof beigesetzt. Zusammen mit fünf, wahrscheinlich sechs unbekannten jüdischen KZ – Häftlingen, deren Leichen aus einem Eisenbahn-Transport, von Auschwitz nach Mauthausen fahrend, geworfen wurden und entlang der Bahngeleise zwischen Oberzögersdorf und Eggendorf am 24. und 25. Jänner 1945 aufgefunden wurden.

Die erste Grablegung fand am 15.Mai 1874 statt. Es war ein früh geborenes Mädchen, das nach drei Tagen starb. Sie war die Tochter des Ehepaares Zacharias und Rosalia Scheuer aus Korneuburg.
Die beiden letzten Begräbnisse fanden im Jänner 1961 für Jeanette Skutezky, geborene Munk und im Jänner 1968 für ihren Mann Arthur statt. Das Ehepaar war nach dem Krieg nach Stockerau zurückgekehrt. Sie erwarben das restituierte Munk-Haus in der Hauptstrasse 18 und lebten dort. Sein Name stand bis vor kurzem nicht auf dem Grabstein, nach ihm war niemand mehr da, um dafür zu sorgen.

Erfreulich ist daher, dass die evangelische Pfarrgemeinde Stockerau die Initiative übernahm und mit Genehmigung der IKG Wien den Namen am 11. Mai 2011 hinzufügen ließ. Im selben Jahr wurde der Friedhof komplett instandgesetzt, finanziert durch den neu geschaffenen „Fond zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich“. [verfasst von Mag. Klaus Köhler]

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